in situ: „FACadE“ von Roland Icking (aktuell)

Zwei Fotos der Serie haben wir als Großplakat in der Borken Innenstadt installiert

Roland Icking sucht als Fotograf das Besondere auf Bauernhöfen im Westmünsterland und den angrenzenden Niederlanden. Dafür inszeniert er in besonderer Weise Bilder mit den Bewohnern. Zwei ausgewählte Fotos der Serie haben wir seit einiger Zeit im Stadtraum Borken als Großformatplakat installiert.

Allerdings „werben sie für Nichts“ – ausser dem Innehalten, dem Wiedererkennen sowie der Irritation über das scheinbar Alltägliche: der Tradition und ihrer Veränderung. Sie ermöglichen einen Einblick in die kulturelle Identität der Gegend. Roland Icking versucht festzuhalten, was vom Verschwinden bedroht ist.

Dabei erprobt er jedoch auch Neues mit den Bewohnern der Höfe aus dem Münsterland und dem Achterhoek. So standen zunächst noch minimalere Inszenierungen und die Architektur der Fassaden, die als „Gesichter“ erscheinen, im Zentrum seines Interesses. In den neueren Bildern komponiert er zuweilen aus vielen Einzelbildern „Wimmelbilder“ des heutigen Hoflebens mit den Bewohnern.

8 Bilder aus seiner Serie “FACadE” haben wir bereits 2018 in kleinerem Format im Schaufester der Kunsthalle Weseke präsentiert. Wir freuen uns, seine Arbeit erneut und diesmal in einer neuen Perspektive zeigen zu können.

25-08-2014, Germany Borken-Weseke

Die BZ berichtete vom Künstlervortrag von Roland Icking am 18.9. im AkA!

Roland Icking schreibt selbst zur Entstehung des Fotos oben:

Diesen Kuhstall mit Gesicht habe ich 2013 das erste Mal und Ende August 2014 zum zweiten Mal fotografiert . Er liegt ganz dicht am Straßenrand einer wenig befahrenen Straße am Rande von Weseke und obwohl dort aufgewachsen konnte mich nicht erinnern, hier jemals entlang gefahren zu sein. Was mich daran besonders anzog, war der durch die Abluft des Viehs fast schwarz gewordene Backstein, obwohl das „Gesicht“ dieses Giebels nicht ganz die Bedingungen erfüllt, die ich mir gesetzt habe. Denn die „Nase“ hat die gleiche Größe wie die „Augen“ (Fenster) und liegt in einer Reihe mit den diesen, allerdings fehlt der „Nase“ die Fläche halbierende Sprosse und ist daher als Luke nutzbar.
 
Das erste Foto machte ich vom selben Standpunkt wie später das zweite und zeigte nur die frontale, fast das ganze Bild ausfüllende Fassade mit dem „Gesicht“. Die Frau, die auf diesem Foto in Tracht zu sehen ist, regte sich darüber auf, dass ich die Fassade in diesem Zustand fotografieren wollte, denn die schwarze Fassade war ihr wohl zu unvorteilhaft. Trotzdem konnte ich die Aufnahme machen. Dies war eine Reaktion, die ich oft erlebt habe: Landwirte waren besorgt dass ihr Hof wegen Dreck oder Unaufgeräumtheit nachteilhaft erscheinen könnte. Das ist verständlich, da hier Tiere gehalten und Nahrungsmittel produziert werden und der Verdacht entstehen könnte
, hier werde nicht hygienisch gearbeitet oder weil hier jeder jeden kennt und die Anonymität der Großstadt fehlt und nicht wenige ließen es sich nicht nehmen vor den Aufnahmen die Fassade mit dem Hochdruckreiniger zu putzen oder den Hof zu fegen. Ich war darüber nicht immer immer glücklich, da Dreck und Unordnung zu Arbeitsprozessen dazugehören und oft unvermeidlich sind, sie darüber hinaus Charme und Persönlichkeit ausdrücken können und das Bild um so manche Information zusätzlich bereichern können, denn sonst könnte ich genauso gut Einfamilienhäuser fotografieren. Umgekehrt sind die bekanntesten Fotos eines Künstlerateliers wahrscheinlich die von Francis Bacon, dessen Atelier im Chaos versinkt und nicht die irgendeiner supercleanen Artfactory. Schließlich ist es meine Aufgabe, ein gutes Foto zu machen und auf eine guten Foto ist auch das, was man für hässlich halten würde plötzlich interessant. Allerdings muss man immer abwägen. Ein Container für Bauschutt vor der Fassade tut nun wirklich nichts zur Sache und man kann letztlich nichts machen, wobei nicht beide Seiten ein guten Gefühl haben.
 
Das erste Foto gefiel mir jedoch bald nicht mehr, denn viele meiner ersten Fotos hatten noch formale Schwächen. Andere Höfe habe ich ein zweites oder gar ein drittes Mal besucht, weil ich vermutete dass hier inhaltlich noch viel mehr herauszuholen war. Mit einem zweiten Foto wollte ich mir bei diesem Hof nicht allzuviel Zeit lassen da ich die Sorge hatte, die Fassade könnte in der Zwischenzeit gereinigt worden sein. Inzwischen stand ich auch der Einbeziehung von Menschen und Tieren auf dem Foto aufgeschlossener gegenüber, denn ursprünglich wollte ich nur die Architektur fotografieren und hatte auch gar keine Ahnung welche Möglichkeiten sich auftun können wenn man nur will und ein bisschen nachhakt. Jedenfalls deutete sich im Gespräch die Möglichkeit an dass das Ehepaar eine für Borken übliche Tracht besitze und sie auch bereit wären, diese für mich anzuziehen und sich vor die Kamera zu stellen. Zum Glück nahm ich dieses Angebot an. Das war das erste Mal in diesem Projekt dass Menschen etwas ganz Spezifisches für mich gemacht haben, d.h. sie mussten die Trachten verfügbar haben und für mich anziehen, was schon etwas mehr ist als sich in der Kleidung die man sowieso trägt eben vor die Kamera zu stellen. Und plötzlich bekommt das Foto auch ein eigenes Thema. Es ist mehr als nur eine Foto von einem älteren Ehepaar vor einem Kuhstall, nun kann man anschaulicher über Tradition, Tracht und Klumpen reden. Und ich finde, dass die festlichen Trachten ein guter Kontrast zur Kuhstallfassade sind.
 
Übrigens erinnere ich mich, dass im Rücken zu mir eine Eiche stand und Eicheln auf das Dach der Scheune neben dem Baum fielen (weder Baum noch Scheune sind auf dem Foto sichtbar). Es gibt diesen Horrorfilm „Antichrist“ von Lars von Trier in dem ein Ehepaar sich zum Zwecke einer Paartherapie in eine Hütte in einem Wald zurückzieht und auf dessen Dach ständig Eicheln krachten und dieser Lärm eine kaum auszuhaltende Stimmung der Angst produzierte. Ich fand das total übertrieben, aber die Art wie nun hier die Eicheln auf das Scheunendach krachten, machte denselben beängstigenden Lärm, und plötzlich fand ich diesen Aspekt des Filmes überhaupt nicht mehr übertrieben, sondern ziemlich gut beobachtet.
 
Im Oktober 2016 hatte ich die Gelegenheit im niederländischen Aalten eine Familie auf ihrem Hof zu fotografieren, wo eine Frau eine für Aalten typische Tracht trägt. Als ich dieses Foto zeigte, erkannte sie dann sofort, dass es sich um Borkener Trachten handelt.