Fotoserie von Graw Böckler

Ab dieser Woche präsentieren wir eine Fotoserie von Graw Böckler, die diese im letzten Herbst vor Ort gemacht haben. Unter dem Titel „Die Straßen von Weseke kamen mir merkwürdig vertraut vor“ gibt es dazu einen persönlichen Text als Reflexion des vor Ort Wahrgenommenen im Abgleich mit Erinnerungen an die eigene Kindheit.

Ursula Böckler und Georg Graw arbeiten seit vielen Jahren gemeinsam an Fotos und Videos, in denen sie sich ausgewählten Orten und deren Bewohnern medial nähern. Im September 2021 waren beide auf Einladung von AkA mit der Videoinstallation „The Great Puddle“ im AkA-Camp zu Gast. Sie nutzten den Besuch für eine Erkundungstour der Gegend zwischen Borken, Weseke und Winterswijk (NL) so wie es zur Zeit wieder einige Fahrradtouristen tun. 18 Bilder als eine subjektive Auswahl der fotografischen Ernte dieses Besuchs ist im AkA-Showfenster in Weseke zu sehen. Nach Ende der Ausstellung können die Fotos von Interessierten, die womöglich eine besondere Beziehung zum Bildinhalt haben, abgeholt werden.

Graw Böckler leben in Berlin, wo sie neben ihren künstlerischen Projekten auch kuratorisch arbeiten. Ausstellungsdauer vorraussichtlich bis Mitte September.

Auszug aus dem Text von Graw Böckler:

„Stefan lernten wir vor ein paar Jahren auf einem Festival in Berlin kennen. Er lud uns zur Kunstwoche nach Borken ein um dort die Videoarbeit „The Great Puddle“ zu zeigen. Uns wurde ein leeres großes Ladenlokal in der Fußgängerzone zur Verfügung gestellt. Das ehemalige Modegeschäft eignete sich hervorragend für die Installation. Zwischen nackten Schaufensterpuppen und herumstehenden Birkenstämmen bauten wir unsere Leinwand auf. Es wirkte als wenn es so geplant war. Die Charaktere im Video, die sich mal mit oder auch mal ohne Badebekleidung in großen urbanen Pfützen erfrischten, fügten sich elegant in das Ambiente der verwaisten Boutique. Die Passanten spazierten an der Projektion dystopischen Freizeitlandschaften vorbei. Manche waren von dem freizügigen Video in ihrer Innenstadt amüsiert. Baden die jungen Erwachsenen wirklich in diesen braunen Pfützen? Georg und ich waren mit der Präsentation happy.

Wir blieben ein paar Tage und wurden in einem Gasthaus in Weseke einquartiert. So hatten wir Zeit die Umgebung zu erkunden. Das Wetter war herrlich. Stefan organisierte einen Besuch beim Schweinebauern Heiner. In weißen Schutzanzügen, die man wegen Seuchengefahr beim Begehen des Schweinestalls tragen muss, stapften wir durch und um die Ställe. Heiner beantwortete alle unsere Fragen. Ein idyllischer Biobauernhof mit Schweinezucht kann immer noch Grund genug sein Vegetarier zu werden.

Wir bekamen Fahrräder geliehen und fuhren durch die Gegend. Ich fotografiere gerne in unbekanntem Terrain. Doch hier erinnerte mich vieles seltsam an meine frühe Jugend. Unsere Familie zog damals nach Schwerte in die Vorstadt von Dortmund. Eine Einfamilienhaus-Siedlung wurde hinter unserem neuen Zuhause gebaut. Aus dampfenden grauen Schornsteinen der Stahlwerke wurden gelbe drahtige Baukräne. Die Straßen von Geseke kamen mir merkwürdig vertraut vor. Die Sparkasse in der warmen Spätsommersonne, die klinkerverkleideten Häuser und diese… Langeweile.

Lass uns in die Eisdiele gehen! Der zentrale Ort im Dorf. Hier ist was los. Georg bestellt sich Waffeln mit Vanilleeis und Sahne. Komisch, genau so würden Waffeln bei unsere Mama schmecken, irgendwie etwas künstlich aber lecker. Gestärkt vom Zucker und zwei italienischen Cappuccinos machen wir uns auf den Weg in Richtung Niederlande. Wir radeln durch ein Gewerbegebiet. Eine Firma hat sich auf Steinzäune spezialisiert. Kleine Pflastersteine werden in Gitterkäfigen in unterschiedliche Formen gebracht. Weiter geht es entlang der endlosen Maisfelder, Kuhwiesen und großen Bauernhöfen. Ich fahre zum ersten mal ein E-Bike. Das ist sehr bequem und fix. Es ist allerdings nicht so leicht auf die andere Seite der Schnellstraße zu gelangen, um in ein dunkles staubiges Schaufenster mit schottischer Landmode zu schauen. Wir bekommen wieder Hunger, aber der Imbiss im symmetrischen Zweifamilienhaus ist leider auch geschlossen. An der nächsten Ecke halten wir und ich fotografiere einen Totenkopf neben einer Klimaanlage. Davor parkt ein camouflage bemaltes Auto. Nach der großen Schule biegen wir in ein Waldstück ab. Auf einmal wird aus Steinen Lehm und Holz – Holzweg, Holzzaun, Holzhaus, Holzpferd.. ein anderer Geruch liegt in der Luft. Wie damals in meiner Jugend macht sich ein holpriges Gefühl von Freiheit breit…“

Graw Böckler