Claudia Piepenbrock: Sprechöse

Ortsspezifische Skulptur, Licht- und Textarbeit; Künstlerinnen-Gespräch am 5.9., 19 Uhr!

Weseke >>> Juli 2020 – Dezember 2021

Stahl, Lack, Neonbuchstaben, Leuchtkasten, Folie mit Text

Nähert man sich von Winterswijk kommend dem Ortskern von Weseke, dann fällt der Blick, sobald man die B70 überquert, auf den 75 m hohen Kirchturm der St. Ludgerus-Kirche im Zentrum von Weseke. Zu diesem bekannten Orientierungspunkt hat jetzt die Künstlerin Claudia Piepenbrock auf einer Wiese an jener Kreuzung eine ca. 5 m hohe Stahlskulptur als weiteren Punkt der Orientierung hinzugefügt. Diese rot-weiße Skulptur beginnt am Boden als einfaches Rohr, das sich dann auf halber Höhe U-förmig verzweigt. Die Kirche im Hintergrund und die Skulptur im Vordergrund laden dabei zu allerlei Peilungen und Blickwinkelveränderungen ein.

In der Mitte des Dorfes angekommen, fällt einem auf, dass die imposante Kirche eigentlich etwas isoliert das Zentrum bildet. Alle Häuserfronten zeigen – nicht wie meist üblich – zur Kirche hin, sondern von der Kirche weg in Richtung der Ringstrasse, die das Zentrum umfasst. An einer dieser Häuserfronten finden wir einen Doppelgänger der rot-weißen Stahlskulptur umgekehrt an die Häuserwand gelehnt. Das Haus beherbergt das Atelier für kulturelle Angelegenheiten. Hier sind noch zwei Schriftarbeiten von Claudia Piepenbrock installiert. Auf dem Vordach ist eine rot leuchtende Neon-Schriftarbeit installiert. Seitlich davon ist im rechten Winkel ein doppelseitiger Leuchtkasten mit weißem Text auf schwarzem Grund angebracht.

Die Neon-Arbeit besteht aus dem zweimal hintereinander gesetzten Wort „ungesagt“, wobei die Silbe „un“ in beiden Worten in regelmässßigen, längeren Intervallen ein- und ausgeschaltet wird. Dabei ergeben sich dann vier verschiedene Kombinationen der Worte „gesagt – ungesagt“.

Die beiden Texte auf dem Leuchtkasten drehen sich fragmentarisch ums Sprechen, Bedingungen des (Aus)-Sprechens, des (Ver)-Schweigens und der (Selbst)-Zensur. Das Zusammenspiel des stoischen Wortspiels „gesagt – ungesagt“ und den fragmentarischen Gedanken auf den beiden Seiten des Leuchtkastens ergeben einen Raum fürs Denken/Sprechen, der in den öffentlichen Raum ausstrahlt. Tagsüber leuchten die Neon-Schrift und der Leuchtkasten dezent, und geben genug Platz für die übrigen Dinge, wie der wiederverwendeten Metall-Konstruktion der alten Leuchtreklame, den Schaufenstern, dem bronzefarbenen Bäckerwappen, der Hausnummer oder der an der Wand lehnenden Stahlskulptur. Kunst und Nicht-Kunst stehen in einem dynamischen Verhältnis zueinander. Nachts ändert sich die Atmosphäre dann komplett. Das rote Licht der Neonschrift färbt den davorliegenden Teil der Straße und spiegelt sich in den gegenüberliegenden Fensterscheiben. Die Fenster über der Neonarbeit sind nachts mit Rollladen verschlossen und geben dem ganzen Haus einen abweisenden und geheimnisvollen Charakter. Die Schrift des Leuchtkastens leuchtet jetzt stärker, aber relativ blass auf dem dunklen Hintergrund. Alle anderen Elemente an der Häuserfront verschwinden fast im Dunklen. So bleibt der fast schon irreale Kontrast zwischen dem nur schwach leuchtenden Text mit den fragmentarischen Gedanken zum Sprechen und dem ausufernd sinnlichem, rot leuchtendem Wortspiel: gesagt – ungesagt.

Claudia Piepenbrocks Arbeit für Weseke verbindet Zentrum und Peripherie des dörflichen Raums sowie die Vielschichtigkeit von Gesprochenem und Ungesagtem. Für alles findet sie visuelle und plastische Formen zwischen Eindeutigkeit und Vieldeutigkeit, die ganz neue Bezugspunkte im dörflichen Leben bieten können.

Wir hatten die Künstlerin Claudia Piepenbrock eingeladen, eine ortsspezifische Intervention an der Aussenfassade der Kunsthalle Weseke (KHW) zu gestalten – und freuen uns, dass Sie die Herausforderung angenommen hat!

Claudia Piepenbrock (*1990) zeigte im letzten Jahr ihre erste und viel beachtete institutionelle Einzelausstellung im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen. In ihren skulpturalen Arbeiten schafft sie eine sensible und immer wieder überraschende Auseinandersetzung mit dem Raum, die dem Betrachter ein nicht so schnell zu fassendes aber trotzdem intensives Erleben mit dem Raum und den dort platzierten Kunstwerken ermöglicht.

aus der Borkener Zeitung (20.7.2020)

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